Samstag, 11. Januar 2014

Vom Geschichten (er-)finden

© Simon Lawrence | Dreamstime Stock Photos

"Ich weiß wirklich nicht wie du immer auf diese Ideen kommst. Nie im Leben könnte ich mir sowas ausdenken." 

Ich bin vermutlich nicht der einzige Mensch der der schreibenden Zunft anhängt der diesen Satz so oder so ähnlich schon so oft gehört hat dass er ihn mitsprechen kann. Ich kann es an den Gesichtern ablesen dass es jetzt gleich losgeht, dass große Staunen darüber, wo in aller Welt ich denn nun das wieder hergeholt habe. Dabei wollte ich eigentlich nur beim gemütlichen Nachmittagskaffee vom neuesten Geistesblitz für eine Geschichte erzählen. Und dann sitze ich plötzlich da und versuche zu erklären dass das eigentlich gar nicht schwer ist, und eben einfach so passiert.

Ideen sind die allerliebsten ungebetenen Gäste die ich mir vorstellen kann. Nicht dass ich mich nicht freuen würde wenn meine Freunde plötzlich unangekündigt vor der Tür stehen, aber eine Geschichte ist etwas leichter zu handhaben - sie braucht weder Kaffee und Kuchen noch erfordert sie dass man sich sofort um sie kümmert. Man schiebt sie einfach in eine der vielen gedanklichen Schubladen an denen "irgendwann mal genauer drüber nachdenken" dran steht und holt sie da bei Gelegenheit wieder hervor (Für gewöhnlich dann, wenn man gerade an etwas völlig anderem schreibt. Prokrastination ist nämlich auch im kreativen Gewerbe die Königin).

Grundsätzlich lohnt es aber doch, der Frage nach zu gehen, wo sie herkommen, die Geschichten.

Ich kann hier nicht für die Allgemeinheit sprechen und ich bin in der Hirnforschung nicht bewandert genug als dass ich wissenschaftliche Ursachen dafür aufbereiten könnte, was genau da in unserer Hirnschachtel vorgeht.* Also müsst ihr euch an dieser Stelle mit Erfahrungsberichten zufrieden geben.

In meinem Fall gibt es zwei Varianten davon, wie Geschichten entstehen. Eines jedoch haben alle meine Ideen gemeinsam: sie kommen immer ungebeten. Ich kann mich nicht hinsetzen und darüber nachdenken etwas schreiben zu wollen und dann tatsächlich eine Geschichte entwickeln. Die Muse küsst wann sie will und soviel lässt sich sagen: sie ist eine Diva. Gelegentlich überhäuft sie mich geradezu mit Aufmerksamkeit nur um dann monatelang hard to get zu spielen.

Variante eins der Geschichtenfindung ist der Weg über einen Charakter. Auch auf die Gefahr hin, wahnsinnig zu klingen: in meinem Kopf herrscht nie völlige Stille. Oft habe ich einfach (wirklich wirklich miese... ) Ohrwürmer. Ab und zu unterhalten sich aber auch fiktive Charaktere in meinem Kopf. Die meisten von ihnen haben weder Namen noch Gesicht, und ich ertappe sie für gewöhnlich mitten ins Gespräch vertieft (und nein, mir sagt auch nie einer worum es geht, ich kann nur zuhören und hoffen, halbwegs schlau daraus zu werden. Ein kleines Geheimnis am Rande: klappt fast nie!). Immer mal wieder entwickelt sich aus dem einen oder anderen dort aufgeschnappten Gesprächsfetzen (ja mir ist klar wie verrückt das klingt, aber es läuft trotzdem so) eine Vorstellung von der "Person" dahinter. Ich fange an darüber nachzudenken wer diese Person ist und was sie tut. Manchmal ist erst nur ein Name da, manchmal ist es eine herausstechende Eigenschaft oder Fähigkeit. Bei einerm älteren Projekt waren es zum Beispiel zwei Dinge: Ich wusste dass der Typ ein rothaariger Hüne ist und dass er sich an die ersten 17 Jahre seines Lebens nicht mehr erinnern kann.

Von dieser Prämisse gehe ich aus. Dann beginnt das große Fragenstellen. Was tut die Figur den lieben langen Tag, wie ist sie dahin gekommen wo sie jetzt ist, wo will sie hin, was treibt sie an, wer sind ihre Freunde und Feinde? Am Anfang kann man viele Dinge willkürlich und nach Gutdünken ausgestalten weil die Leinwand noch recht leer ist. Je weiter man die Idee jedoch spinnt, desto stärker bindet man sich selbst in die Ideen ein, und desto größere Abhängigkeiten entstehen.

Wieder ein Beispiel: Gilbert (mein Hüne) ist um die 1,90 Meter, hat ein Kreuz wie ein Schrank und rotes Haar das ihm bis auf den Rücken reicht. Er ist also soweit jenseits von unauffällig wie man sein kann. Er ist aber auch Auftragsmörder und Dieb. Daraus ergibt sich dass er gut darin sein muss sich zu verkleiden und zu verstellen. Dass er athletisch sein muss, schnell und in der Lage, sich extrem leise zu bewegen. Denn selbst wenn man ihn nur ihm Halbschatten sähe, ein Riese ist hinterher leichter wieder zu finden als jemand mit Durchschnittsgröße (natürlich bedingt das gewählte Handwerk diese Eigenschaften auch an und für sich, aber ich schätze es wird klar, warum allein Gilberts Statur sie noch wesentlich notwendiger machen).
Die Tatsache dass er in seinem achtzehnten Lebensjahr quasi "wiedergeboren" wurde und sich nur an Dinge von da ab erinnert bestimmt, dass er keine Jugendfreunde hat und sich nicht mehr in seiner eigentlichen Heimat aufhält, denn dort würde man ihn vermutlich kennen.

So ergibt sich Mosaikstein für Mosaikstein die Geschichte einer Figur, und letztendlich auch ein vollständiger Plot. Prinzipiell wird man ein bisschen zum Stalker seines eigenen fiktiven Konstrukts.

Natürlich ist die Entwicklung eines Plots um einiges umfassender als nur die Beschäftigung mit einer Charakter-Geschichte. Hier soll es aber erstmal nur darum gehen, wo man eigentlich die Ideen herbekommt und wie sich Geschichten entwickeln. Zum Plotten komme ich in einem späteren Post zurück.

Die zweite Variante einer Geschichtenfindung ist über eine Idee zu einem Gegenstand, einem Konzept oder Ereignis. Ein Plot in meiner Ideenschublade dreht sich zum Beispiel darum, was passiert wenn man Träume steuern kann (luzides Träumen ist ein ziemlich spannendes Feld! Ich wünschte ich könnte das auch!) und sich herausstellt dass die Traumwelt in sich genauso real ist wie "unsere" Welt. Diesen Gedanken spinne ich dann ähnlich weiter wie die Fragen zu meiner Figur. Ich male mir Szenarien aus und früher oder später stoße ich auf ein Problem (meistens früher...). Häufig ist es dann so, dass mir eine "Problemstellung" besonders interessant erscheint, und entlang dieses Gedankens entwickle ich dann meine Konfliktlinie. Ich befrage quasi das Problem und finde Antworten auf Fragen wie: Für wen ist das besonders schwerwiegend? Wem / was für einem Charakter könnte das vermeintliche Problem in die Hände spielen? Wie kann man es lösen? Welche Konsequenzen hat eine Lösung des Problems? Für wen macht es Dinge besser, für wen schlechter? Wie kann die Lösung verhindert werden? Welche neuen Probleme könnte der Umgang mit der Situation auslösen?

Meist schlägt sich die eingehende Beschäftigung mit diesen Fragen in unzählige neuen Ideen und Ansatzpunkte nieder. Häufig muss ich daraus dann auswählen, denn nicht alle Ideen passen zusammen. Aber auch das ist einen eigenen Post wert, denn ich spreche aus Erfahrung wenn ich sage dass man sich im Wald der Ideen ganz gradios verlaufen, ja sogar ausgezeichnet verrennen kann.

Wenn man an dieser Stelle das Erzählen ein wenig entzaubern möchte, kann man feststellen dass es allem voran gutes altes brain storming ist. Man probiert sich in alle Richtungen aus, spielt ein bisschen Dedektiv indem man seinen Figuren hinterherschnüffelt und guckt was sie denn so treiben oder getrieben haben und lässt eigentlich einfach nur seiner Fantasie in alle möglichen Richtungen freien Lauf.

Für mich ist neben dem wirklichen Schreibfluss, in dem Dinge eine ganz eigene Dynamik entwickeln und die Geschichte sich quasi selbst erzählt, das Stadium der Ideenfindung und -aufbereitung das allerschönste. Es macht mich zum Entdecker und Erfinder, es lässt mich Welten und Szenarien schaffen. Ich lerne Figuren kennen und lieben, ich kann ihnen Gesichter, Geschichten und Stimme geben.

Letzten Endes wird dem Prozess des Geschichtenerfindens aber immer auch ein bisschen Magie inne wohnen. Denn es stellt sich die Frage: Ja aber woher kommen denn die Figuren in deinem Kopf? Oder die Vorstellung von einer verrückten Ausgangssituation?

Ich weiß es nicht. Sie sind da, so wie das Licht da ist und die Luft zum atmen.

Geschichten sind immer da. Sie wollen gefunden und sie wollen geschrieben werden.


“All the stories I would like to write persecute me. When I am in my chamber, it seems as if they are all around me, like little devils, and while one tugs at my ear, another tweaks my nose, and each says to me, 'Sir, write me, I am beautiful.” 
Umberto Eco, "The Island of the Day Before"



* Ich habe vielleicht keine Ahnung von Neurologie, aber auch mir ist ein Trend nicht entgangen: Die Hinwendung dazu, auch Wissen in Geschichten zu verpacken, weil unser Hirn einfach besser damit zurecht kommt, wenn es Fakten zu zusammenhängenden Mustern verknüpft präsentiert bekommt. Hier ein ziemlich spannender Artikel dazu über den ich neulich gestolpert bin.

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